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Stephan Kockmann

Bücher-Tipps für Teefreunde

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Okinawas aphrodisische Teezeremonie

Gastautoren dieses Beitrags:
August Wierling und Valeria Jana Schwanitz, Manpuku-Verlag
Im Süden Japans erstreckt sich der Ryūkyū-Inselbogen mit der Präfektur Okinawa. Über lange Zeit war Okinawa ein Königreich, das mit diplomatischem Geschick zwischen den beiden großen Rivalen China und Japan vermitteln und sich so als bedeutendes Handelskontor im südlichen Pazifik etablieren konnte. Vollendete Gastfreundschaft – das war der Schlüssel zum Herzen der zahlreichen ausländischen Gesandten und Händler. Diese Tugend wurde auf Okinawa über Jahrhunderte kultiviert und macht auch heute den Charme der subtropischen Inseln aus.

Buku-Buku-Cha - der Tee mit Schaumhaube (Foto: © Manpuku-Verlag)

Ein wichtiges Element in der Unterhaltung der Gäste war dabei die Teezeremonie, die sich jedoch stark vom puristischen, zen-buddhistischen Teeritual unterscheidet, welches das Japanbild im Westen dominiert. Nicht grüner oder schwarzer Tee, Ō-Cha oder Kō-Cha, sondern mit Jasminblüten aromatisierter Tee wird verwendet, und eine Haube aus feinporigem Schaum verleiht dem Getränk eine aphrodisische Note. Anders ist auch, dass der Tee nicht in schlichter Keramik serviert wird, sondern in traditionellen schwarzen oder zinnoberroten Ryūkyū-Lackwaren, die mit floralen Elementen, teilweise aus schillerndem Schildpatt, üppig dekoriert sind. Okinawas subtropisches Flair mit ganzjähriger Blütenpracht, immergrünem Dschungel und buntem Korallen-Gürtel lässt grüßen.

Jasmintee, oder Sanpin-Cha wie die Einheimischen ihn nennen, ist in Okinawa das Getränk Nr. 1 und wird als heißes oder gekühltes Getränk hoch geschätzt. Zur Herstellung des aromatisierten Tees werden in aller Frühe die noch geschlossenen Knospen gepflückt. Andernfalls verflüchtigte sich der Jasminduft, der ja im weiteren Verlauf die Teeblätter durchdringen soll. Die geschlossenen Blüten werden dann abwechselnd mit dem Basistee geschichtet. Als Grundlage sind Oolong-Tee, grüner und gelegentlich auch weißer Tee üblich.

Mehrere Stunden vergehen, bis sich die Temperatur im Innern der Blätterschichten allmählich auf bis zu 45 Grad Celsius aufheizt. Währenddessen öffnen sich die Blüten und verströmen ihr liebliches Aroma. Für die besten Tees wird die Prozedur drei bis zehnmal wiederholt, wobei die verbrauchten Blüten ein jedes Mal aufwendig in Handarbeit aussortiert und durch neue ersetzt werden. Insgesamt wird etwa ein Kilo Jasminblüten benötigt, um ein Kilo Tee zu aromatisieren.

Okinawaner bevorzugen dabei übrigens mildere Noten als sie auf dem chinesischen Festland populär sind. Dies sei außerdem der Gesundheit zuträglicher und qualifiziere den Tee als alltäglich zu genießendes Heilmittel. Tatsächlich staunte seinerzeit der Reisende R. Goldschmidt über die Tee-verliebten Inselbewohner, die die Gewohnheiten der Chinesen und Japaner wohl stark übertrafen: „... hier trinkt das ganze Volk, groß und klein, arm und reich, von früh bis abends unaufhörlich Tee. Kein Beamter arbeitet, ohne ständig Tee zu trinken – nicht häufig, wie in Japan und China, sondern ununterbrochen ...“ (Reisebericht von R. Goldschmidt aus dem Jahr 1927).

Die Tee-Zeremonie - Jasmintee mit Schaumkrone


Der Buku-Buku-Tee erhält eine Schaumhaube, die aus stärkehaltigem Wasser mit Röst-Aroma aufgeschlagen wird. (Foto: © Manpuku-Verlag)
In der auf Okinawa bekannten Teezeremonie (Video) erhält der Jasmintee durch die nach Röstaroma schmeckende Schaumkrone ein besonderes i-Tüpfelchen. Es ist der aufwendigste Schritt in der Zeremonie, die sich wie ihre zen-buddhistische Schwester aus einer elegant ausgeführten Schrittfolge speist: die verschiedenen Aufbewahrungsgefäße werden geöffnet, die Teeschalen werden mit heißem Wasser ausgespült und anschließend mit einem Seidentuch getrocknet. Wasser wird zum Kochen gebracht und der Jasmintee frisch aufgebrüht. Dann wird der Schaum aus stärkehaltigem Wasser in einer wohl geformten Holzschale mit Hilfe eines fast ellenlangen Bambuspinsels schneeweiß aufgeschlagen. Das klappt, weil dafür zuvor Vollkornreis für einige Stunden langsam geröstet und anschließend in Wasser aufgekocht wurde, um die Reisstärke zu lösen. Diese Reisproteine sind es, die dem festen Schaum Konsistenz und Bukett verleihen. Außerdem wird neuerdings gern noch etwas geröstetes Erdnussmehl auf den Schaum gestreut.

Der Gast hingegen kann sich während der Prozedur der Zubereitung schon einmal an kleinen Süßigkeiten laben; eine weitere Spezialität der Inseln. Die Zuckerbäcker Okinawas verwenden vorrangig die heimischen Geschmacksrichtungen Okinawa-Limone (Shikuwasa), Erdnuss und karamelisiertes Zuckerrohr, um dem typischen Schmalzgebäck der Inseln eine besondere Note zu verleihen. Auf diese Weise wird die Wartezeit bestens versüßt und die Vorfreude auf den bevorstehenden Gaumenkitzel geweckt.

Teezeremonie mit traditionellem Gebäck in Schloss Shuri, Okinawa
(Foto: © Manpuku-Verlag)

Der „schaumgeborene“ Tee ist – oder vielmehr war einmal – in ganz Japan als Buku-Buku-Tee bekannt, was einerseits phonetisch an den luftigen Schaum und andererseits an das sinojapanische Wort für Glück, Fuku, erinnert. Angeblich soll der Schaum an die Gischt bei günstigen Wind erinnern, und so galt er als gutes Omen für die bevorstehende Schiffsreise. Erhalten hat sich Buku-Buku-Tee jedoch fast ausschließlich in Okinawa. Nur dort wurde er zum Bestandteil der höfischen Teezeremonie.

Diese „andere“ Art des Teeservierens auf Okinawa wurde erstmals um 1719 im Bericht der chinesischen Gesandten Hai Bao und Xu Baoguang erwähnt. Es war dieselbe Reise, auf der Kumi Odori, die nationale Tanzoper, als neues Mittel der Gästeunterhaltung debütierte und sich bald mit großem Erfolg als feste Tradition etablierte.

So stark wie Tanz, Gesang, Schauspiel und Musik seit Jahrhunderten sowohl mit dem höfischen als auch mit dem Alltag der einfachen Inselbewohner verwoben ist, wundert es nicht, dass diese Elemente einen beliebten Rahmen für Okinawas Teezeremonie bilden. Je nachdem wo diese stattfand oder findet – ob in den königlichen Gärten und Gemächern von Schloss Shuri, im privaten Empfangsraum für Gäste oder in den modernen Cafés der Präfekturhauptstadt Naha – nehmen sie einen anderen Raum ein.

Mal begleitet ein Solotanz die Teezeremonie, mal ertönt die für Okinawa typische gemächlich-melismatische Kammermusik, mal erklingt die allseits verehrte Sanshin-Laute, und mal bilden frischer Okinawa-Pop und Buku-Buku-Tee eine sensorische Einheit. Dass auf den südlichen Inseln die Sanshin-Laute übrigens vielfach die für Japanräume typischen Ikebana-Blumengestecke ersetzt, unterstricht die Bedeutung, die die Musik neben dem geliebten Teegenuss hier spielt. Ihre Symbiose in Okinawas Teezeremonie ist besonders.

Info zu den Autoren und ihrem Buch


Die Autoren August Wierling und Valeria Jana Schwanitz in Naha. (Foto: © Manpuku-Verlag)
Die Autoren sind durchschnittlich groß, durchschnittlich hübsch, durchschnittlich klug, aber überdurchschnittlich an Japan interessiert. Okinawa bereisten wir mehrmals, zuletzt 2013/2014 für einige Monate per Fahrrad. Mit Quetschkommode und Gepäckanhänger radelten wir kreuz und quer über die Inseln, erkundeten Orte mit alten und neuen Geschichten, trafen Musiker, Künstler und Handwerker. Bei unserer Heimreise ließen wir die Räder vor Ort und tauschten sie gegen eine Sanshin-Laute, das Lieblingsinstrument der Okinawaner.

Das Buch „Okinawa – Unterwegs in Japans südlichen Landen“ erzählt von unseren Reisen durch Japans südlichste Präfektur. Reisende Deutsche gab es zwar auf den Inseln schon um 1850, doch seit 1927 hat keiner mehr über Okinawa berichtet, sieht man einmal von wissenschaftlichen Publikationen ab. Das war Grund genug für uns, nach Kulturschätzen zu graben und das Land neu zu entdecken. Wir entstaubten ein Paradies mit glasklarem Wasser, schillernden Blüten, goldenem Königreich und friedliebenden, lebensweisen Insulanern. Doch auch das Paradies hat seine Ecken und Kanten.

Zum Weiterlesen: Informationen zu Verlag und Buch

Das Buch „Okinawa – Unterwegs in Japans südlichen Landen“ ist im Manpuku-Verlag erschienen. Edle Optik und Haptik: gebundenes Buch mit farbigem Kapital- und Leseband, aufwendige Prägung auf dem Buchdeckel, 208 Seiten mit zahlreichen Lied-Übersetzungen (Premiere: Lied 'Shimanchu nu Takara' der Band Begin), 110 Farbbilder auf hochwertigem Fotopapier, 54 Schwarzweiß-Abbildungen im Textteil, Preis: 24,90 Euro, ISBN 3-9815168-3-4

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