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Stephan Kockmann

Bücher-Tipps für Teefreunde

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Tee aus Europa: Chá Gorreana von den Azoren

Beim Gedanken an Tee denken die meisten von uns wohl an Herkunftsländer in Asien und Afrika. Auf jeden Fall aber an weit abgelegene Orte, an denen der Tee angebaut wird. Doch es gibt auch Teeplantagen in Europa - eine davon liegt auf den Azoren. Seit 1883 baut ein Familienunternehmen im Gebiet Gorreana an der Nordküste der größten Azoreninsel São Miguel direkt am Meer auf ca. 45 Hektar eigenen Tee der Varietät Camellia sinensis an.

Teeproben des Chá Gorreana
Vor einigen Tagen las ich in der Presse, dass die europäische Schuldenkrise auch besagter Teeplantage zu schaffen mache. Viele der bisherigen Kunden auf den Azoren, in Portugal und Frankreich bestellen weniger Tee oder zahlen ihre Rechnungen nur noch sehr zögerlich. Nun hoffe die europäische Tee-Plantage auf mehr deutsche Kunden.

Da ich diesen in Europa angebauten und erzeugten Tee noch nie bewusst in der Tasse hatte, machte ich mich auf die Suche nach Bezugsquellen in Deutschland. Bei den meisten Händlern, auch den großen, Fehlanzeige. Das dürfte auch daran liegen, dass der Großteil der derzeit ca. 40 Tonnen hier produzierten Tees direkt in Portugal und Frankreich auf den Markt kommen. Bei einigen wenigen deutschen Händlern wurde ich dennoch fündig. Besonders angesprochen hat mich dabei der Online-Shop eines Händlers aus Freiburg, der von Hauptberuf Schreinermeister ist. Nikolaus Jancke hat sich neben dem Schreinerhandwerk aber auch dem Teehandel verschrieben, seit er den Chá Gorreana im Urlaub kennen und lieben gelernt hat. Sein Online-Teeshop nennt sich folglich auch Chá Gorreana.

Netterweise war Herr Jancke auf Anfrage bereit, mir einige Proben "seines" Tees zur Verkostung zur Verfügung zu stellen. Vielen Dank nochmals auf diesem Weg! So kann ich euch nun aus erster Hand von meinen Eindrücken und dem Geschmack berichten.

Die Varianten und Besonderheiten des Chá Gorreana


Fünf Teeproben hat Herr Jancke mir geschickt. Zwei Grüntees und drei Schwarztees. Im Einzelnen sind das: Hysson Grüntee, Encosta de Bruma Grüntee, Orange Pekoe Schwarztee, Pekoe Schwarztee und Broken Leaf Schwarztee. Die Beschreibung der Tees im Shop kategorisiert diese Tees wie folgt:

Die Schwarztees

Der Orange Pekoe ist die höchste Qualitätsstufe und besteht aus einer Sortierung der ersten zarten Blätter. Der Pekoe folgt diesem als Sortierung der zweiten Blätter, die schon etwas kräftiger sind. Daran schließt sich der Broken-Tee an, der aus dem 3. Blatt gewonnen wird und aufgrund der Blattgröße beim Trocknen leichter bricht ("broken").

Die Grüntees

Der Encosta de Bruma ist ähnlich dem Orange Pekoe eine Sortierung aus dem ersten Blatt, allerdings als Grüntee produziert. Der Hysson wird aus dem ersten bis dritten Blatt als Grüntee hergestellt.

Die Blatt-Sortierung wird auf der Website der Teeplantage bildlich schön dargestellt. Die Kategorisierung nach Qualität basierend auf dem Blattgut muss allerdings nicht zwingend mit einem "besseren" oder "schlechteren" Geschmack in Verbindung stehen. Hier entscheidet letztlich der Kunde, was leckerer ist.

Das mild-feuchte Atlantik-Klima und der vulkanische Boden bekommen den Teepflanzen gut. Da die Region hauptsächlich von Tourismus und Landwirtschaft lebt, gibt es keine aus Industrieansiedlungen resultierenden Umweltverschmutzungen. Beim Anbau wird auf Pestizide, Herbizide und Fungizide verzichtet. Die Plfanzen werden über selbst gezogene Samen und Kreuzungen vermehrt, wodurch sie sich im Laufe der Zeit dem Azoren-Klima hervorragend angepasst haben. Zudem erhält man aufgrund der vergleichsweise überschaubaren Größe der Teeplantage eigentlich immer einen quasi "sortenreinen Gartentee".

Wie schmeckt der Tee?



 Chá Gorreana Orange Pekoe
Den Orange Pekoe habe ich mit kochendem, weichem Wasser, einem gehäuften Teelöffel des Blattguts auf 340 ml Wasser und etwa 5 Minuten Ziehzeit probiert. Der Tee ist extrem mild und hat überhaupt keine Bitterstoffe. Selbst ein zweiter Aufguss brachte noch ein gutes Ergebnis, ohne die geringste Spur von Bitterkeit.

Mir war dieser erste Versuch allerdings zu mild. Her Jancke gab mir bereits vorab den Tipp, großzügig zu dosieren und den Tees auf jeden Fall mindestens 5 Minuten Ziehzeit zu gönnen. Also habe ich im zweiten Versuch die Teemenge auf zwei Teelöffel verdoppelt und den Tee 10 Minuten ziehen lassen. Jetzt hat der Tee eine tiefdunkle Farbe wie Waldhonig angenommen und ist im Geschmack dunkel-malzig mit einem Hauch Fruchtsäure und einer kaum wahrnehmbaren Spur Süße, von der ich mir mehr wünschen würde. Trotz der Teemenge und langen Ziehzeit ist der Tee auch jetzt nicht bitter geworden und immer noch mild. Der Koffeingehalt scheint relativ gering zu sein, zumindest spüre ich keine Auswirkungen, so dass dieser Tee sich auch für den abendlichen Genuss eignet.

Encosta de Bruma Grüntee
Der Encosta de Bruma verströmt schon im trockenen Blatt einen mild-rauchigen Duft, der ein klein wenig an frischen Tabak erinnert. Dieser Duft ist nach dem Aufguss mit auf 80 Grad abgekühltem Wasser und guten 5 bis 10 Minuten Ziehzeit auch in der Tasse zu finden. Dosiert habe ich den Tee mit einem gut gehäuften Teelöffel Blattgut. Begleitet wird das leicht rauchige Aroma von milden Fruchtnoten und einem Hauch von Adstringenz.

Auch im zweiten Aufguss ist dieser Tee noch angenehm mild und rund im Geschmack. Basierend auf der Beschreibung im Shop hätte ich erwartet, im feuchten Blatt vor allem kleine, ganze Blätter zu finden. Hier sind allerdings einige größere Blätter und Blattstängel enthalten, so dass ich vermute, dass die Ernte maschinell erfolgt. Das wird auch in Japan so gemacht, allerdings wird in Gorreana das Blattgut nicht so genau sortiert, wie mir scheint. Das ist nicht per se schlecht, passt aber für mich nicht zur Werbung, dass dieser Tee nur aus den jungen Blatttrieben bestehe.

Chá Gorreana Hysson Grüntee
Den Gorreana Hysson Grüntee, bestehend aus dem ersten bis dritten Blatt, habe ich genau wie den Encosta de Bruma großzügig mit zwei gehäuften Teelöffeln auf 340 ml dosiert. Mit 80 Grad heißem Wasser aufgegossen habe ich den Hysson fast zehn Minuten ziehen lassen. Der Tee bekommt eine grün-goldene Farbe und ist angenehm rund im Geschmack, wobei ich mich leicht an Mate erinnert fühlte, obwohl ich diesen lange nicht getrunken habe. Der dezente Geruch des trockenen Blatts nach frischem Tabakschnitt findet sich im Aufguss nicht wieder. Auch diesen Tee würde ich als mild beschreiben, trotz langer Ziehzeit und hoher Dosierung zeigt der Tee nichts Bitteres. Im zweiten Aufguss bringt der Tee immer noch Geschmack, obwohl durch die lange Ziehzeit im ersten Aufguss die meisten Aromen schon gelöst wurden. Der Hysson gefällt mir geschmacklich fast noch besser als der Encosta de Bruma.

Die beiden weiteren Sorten werde ich in der nächsten Zeit probieren und bin schon gespannt darauf, wie sich die "gröbere" Sorte und der Broken-Tee geschmacklich präsentieren. Hier schon mal ein Eindruck des trockenen Blattguts:

Chá Gorreana Pekoe Schwarztee

Chá Gorreana Broken Leaf Schwarztee

Mein Fazit und Tipp


Die drei bisher getesteten Gorreana Tees sind durchweg milde Sorten, die man auf jeden Fall höher dosieren und länger ziehen lassen sollte. Die Tees zeigen keine Neigung zum Nachbittern und eignen sich im Fall der Schwarztees aufgrund des scheinbar eher niedrigen Koffeingehalts auch für den Genuss am Abend.

Das Preis-Leistungsverhältnis der Gorreana-Tees ist gut, auch wenn die Sortierung nach Qualitätsstufen in meinen Augen besser sein könnte. Gerade die Blattstängel gehören nicht in einen Tee gehobener Qualität, außer bei Tees wie Kukicha oder Oolong. Insgesamt sind die Tees aus Gorreana aber eine schöne Abwechslung und eine gute Alternative als Alltagstee, die unter deutschen Teefreunden mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Interessant fände ich es, wenn hier als weitere Produktreihe auch Oolong-Tees produziert würden. Nachdem ich kürzlich einen "Meer-Oolong" (Gangkou Cha) aus Taiwan probieren durfte, könnte ich mir einen solchen Tee von den Azoren auch sehr gut vorstellen.

Mein Tipp: Bestellt euch diesen Tee, am besten gleich ein Paket von jeder Sorte, und unterstützt eine der wenigen europäischen Teeplantagen!


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